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Es geht um Europa in der Kaiserlichen Schatzkammer Wien

Im Juli 2018 hat Österreich den Vorsitz des Rates der Europäischen Union übernommen. In diesem Zusammenhang wird leidenschaftlich diskutiert, was Europa ist und in Zukunft sein soll.

Für diese Diskussion kann die Schatzkammer in der Wiener Hofburg ein Forum sein, denn viele der dort bewahrten Gegenstände haben ganz direkt mit der Geschichte Europas zu tun, so zum Beispiel die Krone des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches und die Krone des Kaisertums Österreich. Beide Insignien sind zentrale Symbole der europäischen Geschichte.

Europa war geografisch wie politisch nie eine konstante, homogene Größe. Dem entspricht die Devise der Union „In Vielfalt geeint“. Hier will die Aktion „Es geht um Europa (!) in der Kaiserlichen Schatzkammer" ansetzen und die Aufmerksamkeit auf die kulturelle Diversität des Kontinents lenken.

Unter dem Aspekt Europa werden zwölf Gegenstände neu betrachtet. Dabei soll vor allem der historische Kontext beleuchtet werden, in dem die Kunstwerke entstanden sind, denn dadurch werden die vielfältigen Wurzeln sichtbar, aus denen „die Idee Europa“ erwachsen ist.

Eine Krone – viele Würden

Der aus Brüssel stammende Hofgoldschmied Jan Vermeyen fertigte diese Krone 1602 für Kaiser Rudolf II. in Prag.

Dabei stellte er seinen Auftraggeber vier mal in dessen Hauptwürden dar: Die goldenen Seitenteile zeigen Rudolf als siegreichen Feldherrn (Imperator), als Kaiser (Augustus) bei seiner Krönung in Regensburg, als König von Ungarn auf dem Preßburger Krönungshügel und als König von Böhmen auf dem Prager Hradschin.

Geschaffen war diese Krone als personalisierte Privatkrone für den Kaiser. Mit der Proklamation des Erbkaisertums Österreich 1804 durch Kaiser Franz II. (I.) und der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches wurde sie zur offiziellen Kaiserkrone Österreichs. Als solche begegnet sie uns – manchmal in abstrahierter Form – auch heute noch vielfach im öffentlichen Raum der ehemaligen Monarchie.

Die Krone Kaiser Rudolfs II. (1552-1612), später die Krone des Kaisertums Österreich
Jan Vermeyen zugeschrieben († 1608)
Prag, 1602
Inv. NR: WS XIa 1


Eine türkische Krone für Ungarn?

Nur kurz währte eine Episode, in der diese Krone im Zentrum geopolitischer Auseinandersetzungen stand.

Verkürzt gesagt hatten die lutherischen Bergstädte Oberungarns in ihrer Auflehnung gegen den katholischen Kaiser Rudolf II. die Unterstützung des osmanischen Sultans Ahmed I erhalten.

Dieser ließ 1605 deren Anführer Stefan Bocskai mit dieser Krone bei Pest krönen und erkannte ihn damit als König von Ungarn an. Gleichzeitig begründete der Sultan somit eine osmanische Oberhoheit auf ungarischem Gebiet, indem er ja implizit dem Kaiser die Anerkennung für dessen königlich-ungarischer Würde entzog. Nachdem sich die Habsburger wieder als Könige von Ungarn durchsetzen konnten, lieferte der ungarische Landtag die Krone im November 1609 an König Matthias, den späteren Kaiser Matthias und Träger der als einzig legitim angesehenen Krone Ungarns, der Stefanskrone, aus. Am 4. Oktober 1610 wurde sie schließlich vom Palatin Georg Thurzo nach Wien gebracht.

Die Krone Stefan Bocskais (1557- 1606)
Türkisch, um 1605
Inv. Nr. WS XIV 25


Ein Sieg der Diplomatie

Das Relief feiert einen Triumph päpstlicher Autorität über weltliche Macht. Im Jahr 452 drangen Hunnen unter König Attila in Italien ein, zerstörten Aquileia und bedrohten Rom.

Papst Leo zog ihnen entgegen, um zu verhandeln. Mit hohen Geldsummen konnte er Attila zur Umkehr bewegen. So rettete er Rom, Italien und die „Res publica christiana“. Die legendäre Überhöhung dieser Ereignisse erzählt vom wunderbaren Eingreifen des Himmels: Die plötzliche Erscheinung der Apostelfürsten Petrus und Paulus erschreckte den Heiden Attila und schlug ihn in die Flucht. Im 17. Jahrhundert schilderte der römische Bildhauer Algardi die dramatische Sage in einem Kolossalrelief aus Marmor in St. Peter in Rom. Sein Schüler Ercole Ferrata schuf davon diese Verkleinerung aus Bronze, die wahrscheinlich als diplomatisches Geschenk von Rom an den Wiener Kaiserhof gelangte.

Die Begegnung von Papst Leo dem Großen (um 400- 461 n. Chr.) mit dem Hunnenkönig Attila († 453)
Ercole Ferrata (1610-1686)
nach Alessandro Algardi (1598-1654)
Rom, nach 1657
Inv. Nr. GS D 164


Karl der Große, der Vater Europas

Ausgestattet mit den Insignien des Heiligen Römischen Reiches, das Schwert und den Reichsapfel kraftvoll umfassend, blickt der imposante Kaiser fast wie Gottvater auf den Betrachter herab.

Das Idealbildnis – eine von mehreren Kopien nach dem 1512/13 entstandenen Original von Albrecht Dürer – will nicht die tatsächliche Erscheinung des 814 gestorbenen Karls überliefern, sondern seine immense historische Bedeutung klarmachen. Karl der Große, so die Botschaft des Bildes, war der Gründer des Heiligen Römischen Reiches der erste Träger der Reichskrone und der Krönungsgewänder.

Karl strebte im Innern seines Reiches – eines mit Kriegszügen und Interessenpolitik geschaffenen Territoriums, das dem heutigen Zentraleuropa entspricht – nach Einheit und Frieden. Das lässt ihn als den Vater Europas erscheinen, woran mit dem Karlspreis der Stadt Aachen alljährlich erinnert wird.

Kaiser Karl der Große (742 ?- 814)
Nürnberg, um 1600
nach Albrecht Dürer (1471-1528)
Inv. Nr. GG 2771


Ende und Neubeginn europäischer Ordnungen

Napoleon Bonaparte brachte durch militärische Siege über Österreich, Preußen und deren Verbündete das Heilige Römische Reich, über eintausend Jahre Machtzentrum Europas, zum Einsturz und begründetet das Französische Kaiserreich.

Um seine Herkunft aus dem Kleinadel zu nobilitieren, suchte er eine eheliche Verbindung mit einer der alten europäischen Herrscherfamilien – so wurde Marie Louise, älteste Tochter von Kaiser Franz I. von Österreich, 1810 mit Napoleon vermählt.

Der gemeinsame Sohn wurde noch am Tag seiner Geburt zum König von Rom ernannt. Nichts Geringeres als den Anspruch auf Weltherrschaft verband der Vater damit. Die Thron-Wiege des zukünftigen Herrschers, gefertigt aus 280 kg vergoldetem Silber, mehr Repräsentationsmöbel als Gebrauchsgegenstand, bringt mit anspruchsvollem Bildprogramm Glanz und Gloria des französischen Kaisertums zum Ausdruck.

Das Thron-Wiegenbett des Napoleon Franz Joseph Karl (1811-1832), König von Rom
Jean-Baptiste-Claude Odiot (1763-1850) u.a.
Paris, 1811
Inv. Nr. WS XIV 28


Erbstücke einer europäischen Dynastie

Auch Kunstgegenstände dienten dem Haus Habsburg dazu, seinen hohen Rang als europäische Großmacht anschaulich zu machen.

Unter den vielen Reichtümern, die die Habsburger in ihren Kunst- und Schatzkammern versammelten, kam zwei Objekten eine ganz besondere Bedeutung zu: dem „Ainkhürn“ (Einhorn) und der Schale aus Achat. Beide wurden 1564 zu „unveräußerlichen Erbstücken“ der Dynastie erklärt. Im Fall der Schale boten dazu wohl gewisse Schriftzeichen in der Maserung des Steines den Anlass. Sie können – unter günstigen Umständen – als ‚XRISTO“ und damit als Hinweis auf die christliche Heilsgeschichte gelesen werden. Entstanden ist die spätantike, aus einem einzigen Stück Achat geschliffene Schale, die weltweit größte ihrer Art, vermutlich in Konstantinopel. Wann und wie sie nach Mitteleuropa kam, ist bis heute ein Rätsel.

Achatschale
Konstantinopel (?)
4. Jahrhundert
Inv. Nr. WS XIV 1


Der Krönungsmantel – im Kontext Europas und seiner Nachbarn

Der Mantel aus rotem Samit (geritzter Seide) galt jahrhundertelang als Teil des Krönungsornates Karls des Großen (reg. 768-814) und wurde allen Königen und Kaisern des römischen Reiches bei ihrer Krönung umgelegt.

Ursprünglich stammt der kostbare Umhang jedoch aus einem anderen Kontext: Arabische Handwerker haben ihn für den sizilianischen König Roger II. 1133/34 in Palermo hergestellt. Das lässt sich aus der arabischen Inschrift schließen, die seinen Saum ziert. Auf altorientalische Wurzeln, angepasst an die arabische Kunstwelt unter den Normannen, weist das Motiv des Löwen, der über ein Kamel triumphiert. Unter den Hohenstaufen in den deutschen Kulturraum überführt, stärkten vielleicht gerade die außereuropäischen Motive die große auratische Kraft dieses einzigartigen Gewandes.

Der Umhang Rogers II. (1095- 1154), der spätere Krönungsmantel
Palermo, königliche Hofwerkstätten, 1133/34
Inv. Nr. WS XIII 14


Die aktuelle politische Lage auf dem Wappenrock

Wenn Maria Theresia bei einer feierlichen Amtshandlung auftrat, wurde sie von einem Herold begleitet. Die Wappen auf dessen Rock vermittelten den Anwesenden, über welche Territorien die Kaiserin herrschte.

Allein an der großen Anzahl der Länder zeigt sich, welche Herausforderung es für die Kaiserin bedeuten musste, für sie alle eine Art Integrationsfigur darzustellen. Zugleich wird nachvollziehbar, dass die Grenzen im damaligen Europa wieder einmal in Bewegung geraten waren. Als der Rock 1742 entstand, musste Maria Theresia nach schweren militärischen Niederlagen Schlesien an das Preußen Friedrichs II. abtreten. Aus der Reihe der abzubildenden Wappen war es deshalb soeben gestrichen worden.

Wappenrock für einen Herold Maria Theresias (1717-1780)
Brüssel, 1742
Inv. Nr. WS XIV 99


Das Haus Habsburg - Europas ältestes Kaiserhaus

Die Schlüssel zu den Särgen der Habsburger wurden traditionell in der Schatzkammer aufbewahrt.

Aber erst Kaiser Franz Joseph ließ für sie einen prunkvollen Schrank herstellen: ein sogenanntes Zimmerdenkmal. Beginnend mit Otto († 1339) und endend mit Franz Joseph († 1916) erinnert es mit 139 namentlich bezeichneten Schubladen, in denen die Schlüssel einzeln lagern, an die Verstorbenen der Dynastie. Dabei wird die lange Reihe der habsburgischen Kaiser unter ihnen hervorgehoben, deren Sargschlüssel sind im zentralen Mittelteil des Schrankes angeordnet.

Dem Besucher der gegen Ende des 19. Jahrhunderts neu eingerichteten Schatzkammer sollte vermittelt werden: Trotz aller politischen und militärischen Niederlagen, im Vergleich mit dem neuen französischen, russischen oder preußischen Kaiserhaus wird das habsburgische immer das älteste und nobelste in Europa bleiben.

Zimmerdenkmal
Alexander Albert (1847-1916)
Wien, 1895
Inv. Nr. XVI A 24


Polen, Litauen, Schweden, Deutschland, Österreich –
fünf (heutige) Nationen und ein Reliquiar

Das Reliquiar enthält in seinem Schaubehälter ein Armknochen des hl. Stanislaus von Krakau, einem der polnischen Nationalheiligen.

Aus der Widmungsinschrift am Fuß des Reliquiars geht hervor, dass es sich dabei um ein Geschenk des Kardinals von Krakau Georg (Jerzy) von Radziwiłł handelt. Empfängerin des Präsents war die Gemahlin Erzherzog Karls II. von Innerösterreich, Maria von Bayern. 1592 hatte der Kardinal deren Tochter, Erzherzogin Anna, mit Sigismund III. Wasa vermählt. Sigismund war seit 1587 König von Polen sowie Großfürst von Litauen und hatte kurz nach der Heirat auch den Thron von Schweden geerbt. Daher findet sich auf dem Reliquiar neben dem Wappen des Kardinals Radziwiłł auch das Drei-Kronen-Wappen. Das Reliquiar ist so nicht nur ein Zeugnis diplomatischer Geschenkaustauschs, sondern auch europäischer Heiratspolitik.

Reliquiar des St. Stanislaus (1030-1079)
Augsburg, 1597
Inv.-Nr. D 112


Ein Denkmal europäischer Kultur

Mit dieser Krone postulierten die hochmittelalterlichen Kaiser ihren Herrschaftsanspruch.

Dabei knüpften sie demonstrativ an abendländische Traditionen an. Indem auch ihre Krone ein Bügel zierte, propagierten sie sich als Nachfolger der römischen Feldherren oder eines Kaiser Konstantin, bereit unter dem Zeichen des Kreuzes die Feinde des Reiches zu bezwingen.  

Mittels der bildlichen Darstellungen zeigten sie sich als Nachfolger der alttestamentarischen Könige. Zugleich betonten sie, dass sie von Gott selbst zu Herrschern auserwählt wurden, denn auf der Darstellung neben der Stirnplatte sind Christus die Worte „per me reges regnant, durch mich regieren Könige“ in den Mund gelegt.

Seit dem 14. Jahrhundert wurde die Krone mit dem als heilig verehrten Karl dem Großen in Verbindung gebracht und dadurch in den Status einer Reliquie gehoben.

Reichskrone
Westdeutsch, 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts
Bügel und Stirnkreuz: 11. Jahrhundert, Samthaube: 18. Jahrhundert
Inv.-Nr. WS XIII 1


Das Reich Kaiser Karls V. – in dem die Sonne niemals untergeht

Heraldische Wandbehänge waren bedeutende Bestandteile herrschaftlicher Repräsentation. Als mobile Medien konnten sie kurzfristig an jedem gewünschten Ort angebracht werden.

Und mit den dargestellten Wappen ließ sich der jeweilige dynastische und politische Anspruch des Herrschers ganz unmittelbar formulieren. Sie weisen Karl V. unter anderem als Herrscher über die Niederlande, König von Spanien und als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches aus. Doch damit nicht genug: Karl verfügte auch über Besitzungen in Amerika, war Herr über Neuspanien und Peru, so dass es zu Recht hieß, dass in seinem Reich die Sonne niemals unterginge.

Tapisserie mit Wappen Kaiser Karls V. (1500-1558)
Brüssel, um 1540
Manufaktur: Willem de Pannemaker (aktiv seit etwa 1535, † 1581)
Inv. Nr. T XXXIII/7


FÜHRUNG

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T +43 1 525 24- 5202
Mo–Fr, 9–16 Uhr

kunstvermittlung@khm.at

Adresse

Kaiserliche Schatzkammer Wien
Hofburg
Schweizerhof, 1010 Wien

Information

1. Juli 2018
bis 31. Dezember 2018

Öffnungszeiten
täglich außer Di,
9 - 17.30 Uhr

Einlass ist jeweils bis eine halbe Stunde vor Schließzeit!

Sonderöffnungszeiten

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